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Rezension von Carl Dahlhaus
Jürgen Uhde/Renate Wieland
BestellungDenken
und Spielen - Studien zu einer Theorie der
musikalischen Darstellung
Bärenreiter, Kassel 1988, ISBN 3-7618-0690-6.
(Zur Zeit vergriffen, Restexemplare für € 24.- sind noch über den
Autor zu beziehen.)
Rezension von Carl Dahlhaus über
Denken und Spielen von Jürgen Uhde und Renate
Wieland
in Musica 6/88
Musikalischer Sinnzusammenhang
Jürgen Uhde und Renate Wieland: Denken und Spielen. Studien zu einer Theorie
der musikalischen Darstellung. Kassel 1988. Bärenreiter-Verlag, 504 S.,
Broschur.
"Das Buch", behauptet der Verlag auf der Rückseite des Einbands,
"ist der erste anspruchsvolle Versuch, Theorie und Praxis der musikalischen
Darstellung in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu diskutieren". Man
stutzt zunächst, und es fallen ein von Carl Philipp Emanuel Bach und Quantz
bis zu Adornos Getreuem Korrepetitor, eine
Menge Bücher ein, die den hochgesteckten Anspruch scheinbar widerlegen. Und
doch läßt sich, wenn man gerecht urteilt, nicht leugnen, daß
den Autoren, Jürgen Uhde und Renate Wieland, insofern etwas prinzipiell Neues
geglückt ist, als die Vermittlung zwischen Theorie und Praxis bis in die
Details der Analyse und Interpretation hineinreicht. Jürgen Uhde ist ein
Pianist mit philosophischen, Renate Wieland eine Philosophin mit musikalischen
Neigungen. Und obwohl man glauben mag, rekonstruieren zu können, welche Teile
von welchem Autor stammen, kann nirgends davon die Rede sein, daß die ästhetische
Theorie einerseits und die Analysen ausgewählter Stücke andererseits
lediglich nebeneinanderstehen, statt sich zu durchdringen: Die Theorie ist ein
Entwurf, der, um nicht in der dünnen Luft der Abstraktionen zu schweben,
der Einlösung durch Analysen bedarf; und umgekehrt sind die Analysen niemals
bloß deskriptiv - man kann zweifeln, ob es reine Deskription überhaupt
gibt -, sondern immer von Theorie inspiriert, auch dort, wo die Voraussetzungen
unausgesprochen bleiben.
Von dem Reichtum des Buches an grundsätzlichen Einsichten und den Detailerkenntnissen
in den Grenzen einer Rezension, die nicht ins Uferlose geraten soll, einen Begriff
zu vermitteln, ist unmöglich. Der Umriß läßt sich allerdings
mit wenigen Worten skizzieren. Das erste, grundlegende Kapitel ist, in Anknüpfung
an Gedanken Theodor W. Adornos, ein emphatisches Plädoyer für die
"Idee der wahren Aufführung". Uhde und Wieland machen einem auftrumpfenden,
irrationalen, in der Regel gedankenlosen Subjektivismus, der, wie es scheint,
nach einigen Jahrzehnten wachsender Rationalität wieder zu grassieren beginnt,
nicht das geringste Zugeständnis. Die Kriterien, auf die sie sich stützen,
"Sinnzusammenhang", und "Stimmigkeit", verraten eine Orientierung
an Adorno, die nirgends verborgen, sondern durch zahlreiche Zitate geradezu
demonstrative hervorgekehrt wird. Was aber ist eigentlich musikalischer Sinnzusammenhang?
Der Terminus, der in Adornos ästhetischer Theorie eine Schlüsselstellung
einnimmt, enthält eine Doppelbedeutung, die zu Verwirrungen führen
kann. Einerseits besagt er, daß Partikel oder Teilmomente, die einen Sinn
in sich tragen, in einen Zusammenhang gebracht werden, der den Sinn präzisiert
und differenziert. Andererseits wird suggeriert, daß Zusammenhang als
solcher, also etwa der motivische Beziehungsreichtum innerhalb eines Werkes,
bereits Sinn stiftet oder garantiert. Daß die Unklarheit, von der man
ohne Übertreibung behaupten kann, sie habe zwei Jahrhunderte lang beträchtlichen
Schaden angerichtet, in der Interpretation der Musik als Sprache begründet
ist, dürfte unverkennbar sein. Daß die Syntax der Musik sprachähnlich
ist, leugnet niemand: dagegen wird der Streit über das Ausmaß, in
dem Musik semantische Momente enthält, niemals ein Ende finden.
In einem Kapitel, das zu den interessantesten des Buches gehört, interpretieren
Uhde und Wieland die, wie sie es nennen, "inneren Programme" einiger
klassischer und romantischer Werke. (Die Lektüre wird übrigens dadurch,
dass die Notentexte immer vollständig abgedruckt erscheinen, wesentlich
erleichtert). Entscheidend ist, daß die Autoren sich nicht zu realistischer
Deskription hinreißen lassen, sondern das Abstraktionsniveau so hoch halten,
daß auch das ästhetische Gehör von Anhängern rigoroser
Theorien der absoluten Musik nicht verletzt wird. Wenn in Schumanns Klavierstück
"Vogel als Prophet" die gegensätzlichen Charaktere, aus denen
der Satz besteht, als "Naturlaut und Menschenstimme" identifiziert
werden, so ist die Interpretation gerade darum einleuchtend, weil sie zurückhaltend
bleibt. Wesentlicher als das negative Moment aber ist ein positives, gewissermaßen
handgreifliches: die Tatsache, daß Uhde und Wieland nicht davor zurückscheuen,
die Spannungen und Entspannungen - oder, wie sie lieber sagen: Gegenspannungen
-, die in der Musik wirksam sind, nicht nur allgemein zu bereden, sondern durch
interpretierende Zeichen präzise zu markieren. Die innere Dynamsik einer
Periode, das Gleichgewicht oder Ungleichgewicht der Teile, wird unmißverständlich
durch vor- oder zurücklaufende Pfeile zum Ausdruck gebracht: und wenn man
oft genug erfahren hat, wie vage und ungreifbar sich Musiker gewöhnlich
über solche Sachverhalte äußern, ist man, auch bei abweichender
Auffassung in einzelnen Fällen, zunächst einmal dankbar für ein
entschiedenes Wort.
Eine Theorie der inneren Dynamik ist im Grunde das Zentrum, in dem die verschiedenen
Teile, aus denen sich das Buch zusammensetzt - die Kapitel über Historizität,
über die Zeitgestalt, über den Ausdruck und über den Klang -
konvergieren. Uhde und Wieland sind, wie ihr Vorbild Adorno, Dialektiker: besessen
von der Vorstellung, daß alles mit allem unmittelbar oder indirekt zusammenhängt,
so daß man von der einen Sache nicht reden kann, ohne zugleich eine Reihe
anderer Dinge zu berücksichtigen, deren Menge sich, wenn man nicht Verbindungsfäden
gewaltsam durchschneidet, unversehens ins Unendliche erstreckt. Die Kunst, mit
der es den Autoren dennoch gelingt, dem Buch eine überschaubare Form zu
geben und die weitreichendend Zusammenhänge, die ihnen stets vor Augen
stehen, lediglich in Andeutungen zur Geltung kommen zu lassen, ist nicht selten
bewunderungswürdig.
Wenn es dem Buch von Uhde und Wieland glücken sollte, die Pianisten davon
zu überzeugen, daß es nützlich ist, über einen Notentext
nachzudenken, bevor man zu üben anfängt, wäre viel erreicht.
Carl Dahlhaus