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Jürgen Uhde/Renate Wieland
BestellungDenken
und Spielen - Studien zu einer Theorie der
musikalischen Darstellung
Bärenreiter, Kassel 1988, ISBN 3-7618-0690-6.
(Zur Zeit vergriffen, Restexemplare für € 24.- sind noch über den
Autor zu beziehen.)
Was zu unserer Arbeit reizte, das ist der Versuch, die Kluft zwischen Denken und
Spielen, Musiktheorie und Musikpraxis wie sie bis heute das musikalische Leben
spaltet ,zu überbrücken. Weithin stehen sich Musikwissenschafter und
darstellende Interpreten skeptisch gegenüber. Der Wissenschaftler misstraut
den Subjektivismen und Zufälligkeiten des Praktikers, und dieser fürchtet,
durch Reflexion und Dogmen um seine Spontaneität gebracht zu werden. Abgesehen
von den sorgfältigen Editionen und der Erforschung alter Aufführungspraktiken
durch den Historismus ist die Theorie der Darstellung unterrepräsentiert.
Noch gibt es wenig erhellende Analyse, die der Darstellung zuarbeitet. Meist geht
die gängige Analyse auf Allgemeines, sie reduziert das Werk auf seine Gattung,
die Formkonventionen, oder sie sucht in der Vielfalt der Gestalten deren Substanzgemeinschaft.
Primär ist sie Analyse in normativer Absicht. So notwendig das ist, sowenig
kann es genügen, denn das, was das Werk durch den Sinnzusammenhang
seiner Glieder selber sagt, bleibt noch im Dunkel. Dahlhaus hat darum eine Analyse
2. Grades angemahnt, die des Besonderen, und mit diesem hat es der Praktiker zu
tun. Er spielt nicht eine Gattung, er spielt ein Stück, eben diese besondere
Sonate.
Dieses Besondere zeigt sich nicht nur in den dominanten Eigenschaften eines Musik,
sondern in der Beziehung der Momente untereinander und zum Ganzen. Es gilt also
Funktionen zu erkennen: den einzelnen Ton als Funktion seiner Phrase, ihre Struktur
als Funktion einer Geste, die Geste als Funktion des führenden Charakter,
dem sie jeweils entspringt, und dieser wiederum ist, gegebenenfalls, mitbestimmt
von seinem Mit- oder Gegenspieler im Prozess. So, fort und fort den Zusammenhang
erfragend, enthüllt sich langsam die Dramaturgie des "Empfindungsganges"
der inneren Geschichte einer Musik. Derart baut die funktionelle Analyse ein Netzwerk
von Beziehungen, sie verwandelt den Text in ein Kraftfeld. Indem sie die Konstellationen
erkennt, komponiert sie es gewissermaßen neu.
Die drei Kapitel: Über die musikalische Zeitgestalt, den musikalischen
Ausdruck und den Klang zielen auf eine Analyse dritten Grades. Sie sucht die
Forderungen zu erfragen, die das Werk an den Interpreten stellt.
Die Grundfrage gilt dem horizontalen Spannungsverlauf
der Taktgruppen, wie bildet sich Einheit in der Zeit, wie also will eine Musik
phrasiert sein? Dem natürlichen Empfinden folgend, zeigt sich dass die tonale
Musik sich aus dynamisch agogischen Gestalten aufbaut, die analog zu organischen
Prozessen einen Zyklus von vier Phasen durchlaufen: ein Phase der Spannung, der
Kulmination, der Ent- oder. Gegenspannung und einen Punkt bzw. eine Phase Null.
Die atmenden Zellen dieser Zeitgestalten können
sich zu größeren Verbänden zusammenschließen, die ihrerseits
wieder eine Welle bilden. Dieses organologische Modell ist kein normatives sondern
ein heuristisches. Es stellt nur die kategorialen Fragen: wo beginnt, wo kulminiert,
wo endet eine Phrase? Welche Option bietet sich an, wenn verschiedene Kräfte
um eine Kulmination konkurrieren? Wo etwa ist die organologische Einheit durch
Kontradynamik und Brüche gestört. Eine solche Analyse der Zeitgestalten
ist die Basis der dynamisch agogischen Phrasierung, aus ihr ergeben sich Kriterien
eines "objektiven Rubato". Die funktionelle Analyse der horizontalen
Spannungsverlaufes hilft wohl die Formbeziehungen einer Musik simultan zu überblicken.
Was diese aber im Innersten zusammenhält, die solidarité der Momente,
wie Bergson das nennt, ist dem antizipierenden geistigen Akt des Spielenden überlassen,
der die Gestalten vorweg in eins fasst. Doch schon die Analyse ist unbewusst von
diesem intuitiven Akt gesteuert.
Musikalischer Ausdruck ist nicht ein Inhalt, der in die festen Formen einzufüllen
wäre, er ist vielmehr aus der Struktur herauszulesen, d. h. jede Zeitgestalt
ist als Geste aufzufassen. Es lässt sich
zeigen, dass in der Proportion der Zeitgestalten der Affektverlauf bereits angelegt
ist, dass aber rückwirkend die Geste erst vollends den dynamisch agogischen
Klangverlauf der Zeitgestalten definiert. Die erscheinenden Gesten stehen jedoch
so wenig fest wie die Strukturen, sie sind in Bewegung, ändern sich mit der
Geschichte, und nur durch den Wandel leben die Werke.
Der Sinn für musikalische Charaktere präzisiert sich, wenn wir fragen,
wie sie sich zwischen den Polen Tanz und "Klangrede" auf der einen,
aktiv spontaner und passiv rezeptiver Haltung auf der anderen Seite verhalten,
welche Balance sie im Kraftfeld dieser Koordinaten finden. Wo die Spannung zwischen
diesen Polen erlahmt, erstarren die Charaktere. Vor allem die passivischen Charaktere
werden vom musikalischen Aktionismus vieler Darstellungen leicht überrannt.
Die Frage nach der horizontalen Zeitstruktur der Musik zieht die Frage nach der
vertikalen Klangspannung herbei: Wie verhält
sich Vorder- zu Hintergrund, wie homophoner zu polyphonem Satz, welche Funktion
kommt den Klangfarben zu? Aller Klang aber steht in einer elementaren Spannung
zum Nicht-Klang, der vom großen Sound so oft verdrängt wird..
Ein Theorie der Pause, ihrer Zeitfunktion und ihres Charakters konkretisiert das.
Die unverzichtbare Analyse der Sinnzusammenhanges kann und will nicht die Musik
in den Griff nehmen. Im Sinne Adornos müssen alle Einsichten transparent
bleiben, sich öffnen für das, was die Musik intentionslos als musica
assoluta durch den eigentümlichen Ton, die Geste ihres Insgesamt sagt.
Inspiriert ist diese Studie von Adorno. Er
öffnet in seinen musikalischen Schriften, den Fragmenten "Zu einer Theorie
der musikalischen Reproduktion" und nicht zuletzt in den radikalen Thesen
seiner Ästhetik die Horizonte, stellte die Fragen, die dieses Buch bewegen.
Ausgangspunkt ist die befremdende Einsicht Adornos, dass die Musik im Text nicht
positiv vorhanden, nicht gegeben, sondern erst aufgegeben ist. Seine Zeichen bilden
eine Rätselfigur, stellen dem Interpreten die Frage nach dem verborgenen
Sinnzusammenhang. Dieser ist nie endgültig zu fassen. Was das Werk an sich
ist, seine Identität, lebt nur in der Veränderung. Erst durch die Geschichte
ihrer Rezeption entfaltet sich ihr Wahrheitsgehalt. Damit hat Adorno den Interpreten
auf einen Weg jenseits von Dogmatismus und Relativismus gewiesen. Die beiden ersten
Kapitel des Buches: "Die Idee der wahren Aufführung" und "Zur
Historizität der ästhetischen Wahrheit" suchen daraus die praktischen
Konsequenzen zu ziehen.