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Renate Wieland/Jürgen Uhde
BestellungForschendes
Üben - Wege instrumentalen Lernens - Über
den Körper als Instrument der Musik
Bärenreiter Kassel 2002, ISBN 3-7618-1493-3, € 34,90
Rezension von Ulrich Mahlert über
Forschendes Üben von Renate Wieland / Jürgen
Uhde
in: Üben und Musizieren 2/03
Dieses Buch ergänzt und vertieft den 1988 von Jürgen Uhde und Renate
Wieland vorgelegten Band Denken und Spielen, Studien zu einer Theorie der musikalischen
Darstellung. Als Jürgen Uhde 1991 starb, lag bereits eine Fülle von
Material für das zweite Buchprojekt vor. Renate Wieland hat die Früchte
der gemeinsamen Arbeit mit Jürgen Uhde in langen Jahren zu einem Werk von
einzigartigem Rang ausgearbeitet. Fundierter, sensibler, philosophisch geschulter,
sprachlich kultivierter ist wohl selten von Musik geschrieben worden.
Es lohnt sich, der Lektüre viel Zeit zu widmen. Jedes Kapitel, jeder Abschnitt
ist überaus gehaltreich. Auf der Basis der 2001 aus dem Nachlass veröffentlichten
Theorie der musikalischen Reproduktion von Theodor W. Adorno entfaltete Denken
und Spielen eine an vielen Beispielen konkretisierte Interpretationslehre. Forschendes
Üben setzt diesen Weg fort, indem nun verstärkt den Bedingungen und
Möglichkeiten nachgegangen wird, wie Werke am Klavier in angemessener Weise
durch körperliches Agieren der Interpretin zum Klingen gebracht werden
können. Gelungen ist wo etwas wie eine musikalisch konzipierte Physiologie
der musikalischen Interpretation insbesondere am Klavier. Der Körper wird
nicht als "Spielapparat" betrachtet oder auf eine naturwissenschaftliche
Sichtweise reduziert, sondern er gewinnt Gestalt als Instrument der Musik. Das
Buch zeigt, wie Musizierende durch ein mimetisches Verstehen und Reagieren ihren
Körper als Medium dazu befähigen können, Musik in ihren Strukturen
und Gehalten sinnlich zu erfahren, zu explorieren und zu realisieren.
Der erste, "Die hörende Bewegung" überschriebene Teil rückt
den Begriff der Mimesis ins Zentrum: Nach einer die Leiblichkeit des Musizierens,
d. h. den "Körper als Instrument der Musik" erörternden Grundlegung
geht es in drei weiteren Kapiteln - das Phänomen der musikalischen Reproduktion
ausleuchten und differenzierend - um " Die Mimesis an den Organismus",
"Die Mimesis ans Instrument" und vor allem um "Die Mimesis an die
Musik". Über vorinstrumentale Übungen zur Körperbalance und
-sensibilisierung, über "Elementarformen integraler Spielbewegungen
führt der Weg zu vielfältigen Erörterungen der musikalischen und
der ihr adäquaten interpretatorischen Körperlichkeit vieler Stellen
aus Klaviermusik von Bach bis Messiaen. Die Kapitelüberschriften des zweiten
"Forschenden Üb en" betitelten Teils des Buches lauten: "Über
das Zusammenspiel von Intuition und Ratio beim Üben", "Der ästhetische
Zustand der Spielbereitschaft", "Wege des Übens", "Vorinstrumentales
Training zur Disposition des Spielens" und "Stadien des Übens von
Werken. Hier werden die von Jürgen Uhde in einem bereits 1973 veröffentlichten
Aufsatz "Theorie des Übens am Klavier" und sein Verständnis
des Übens als "tätige Meditation" breit entfaltet. Viele Aspekte
von Körpertechniken wie Qi Gong, Tai Chi, Feldenkrais, Alexandertechnik,
Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung, von Atemtechniken u. a. kommen
hier produktiv ins Spiel - nicht nur als vorbereitende Übungen, sondern als
Möglichkeiten, den Körper mimetisch zu musikalisieren und ihn zum Organ
der musikalischen Darstellung werden zu lassen. Dabei enthalten Renate Wieland
und Jürgen Uhde sich durchweg aller regelhaften Generalisierungen und falschen
Verallgemeinerungen. Immer wieder arbeiten sie das Besondere, Unverwechselbare
der jeweiligen musikalischen Gestalt heraus; immer wieder regen sie den Lesenden
an, eigenständig deren Spezifik denkend und körperlich agierend zu explorieren
und somit individuelle Gestaltungsergebnisse zu erzielen. Forschendes Üben
ist ein Meisterwerk ästhetischer Bildung und musikalischer Intelligenz. Künstlerisch
und pädagogisch unendlich fruchtbar, kann das Buch als eine Glanzleistung
der Musikliteratur gelten.
Ulrich Mahlert