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Renate Wieland/Jürgen Uhde
BestellungForschendes
Üben - Wege instrumentalen Lernens - Über
den Körper als Instrument der Musik
Bärenreiter Kassel 2002, ISBN 3-7618-1493-3, € 34,90
Üben ist in diesem Buch als aktive Meditation verstanden, als ein Erforschen
des Werkes, seiner Struktur und deren Ausdruck und zugleich als ein Erforschen
der subjektiven psychosomatischen Erfahrung davon. Wie ist der Sinnzusammenhang
einer Musik zu entdecken, wie kann der Interpret ihn spielend mit vollziehen,
mit ihm eins werden? Das sind die Leitfragen dieses Buches. Üben schwingt
zwischen den Polen von Analyse und Mimesis,
Werkerfahrung und Selbsterfahrung. Keines ist ohne das andere. Nur hörend
auf das eigene Hören und Reagieren erkennen wir die Struktur der Werke und
ihren Charakter, nur durch immer genaueres Lesen des Textes präzisieren wir
unsere intuitive, spontane Empfindung. Ebenso finden wir nur durch die Wahrnehmung
unserer eigenen organischen und mimetischen Bewegungsintelligenz die Spielbewegung,
die den innerlich gehörten Klang hervorbringt. Beides aber ist in der gängigen
Praxis oft unterbelichtet. Wer spontan spielt, mag nicht analysieren, wer die
Musik primär beherrschen will, mag sich weniger in sie versenken.
Analyse gehört zum Prozess des Übens: sie erkundet den horizontalen
Spannungsverlauf der Zeitgestalten für die Phrasierung. Sie reflektiert
die Klanghierarchie, sie erforscht die Gesten und das Zusammenspiel der Charaktere.
Und nicht zuletzt legt sie gegebenenfalls die kontradynamischen Eingriffe und
Brüche frei, die den Sinn einer Musik ganz wesentlich mitbestimmen können.
Die Fähigkeit der Empathie ist uns weithin unbewusst. Wir vergessen wie
es ist, einem Gegenstand, seiner Struktur, seiner Geste ähnlich zu werden.
Wir sind ungeübt in der "zarten Empirie", die, wie eine Goethesche
Maxime sagt, "sich ihrem Gegenstand aufs Innigste identisch macht".
So liegt das Potential des mimetischen Vermögens weithin brach, verschüttet
ist damit aber auch ein Quellgrund der künstlerischen Phantasie. Sie ist
nicht bloß vorauszusetzen sondern übend freizusetzen.
Nur stufenweise im geduldigen Kontakt mit den musikalischen Gestalten lassen die
mimetischen Fähigkeiten sich entwickeln. Das
Ziel ist, dass der Organismus selber zum Instrument der Musik wird, und die Spielbewegung
zur hörenden Bewegung. Das Üben vollzieht sich in drei Ebenen:
1. Bedingung und Vorstufe ist die Mimesis an den
eigenen Organismus. er will, wie jedes andere Instrument auch, gestimmt
sein. Das heißt der Spieler muss die Grundgesetze der Balance seiner Glieder,
den Rhythmus und die Architektur seiner Bewegung realisieren.
2. Die Mimesis an das Instrument durch eine
integrale, organische Spielbewegung, die das Instrument als eine Verlängerung
des Organismus behandelt. Entwickelt werden Kriterien der integralen, organischen
Spielbewegung wie das der zentralen Steuerung, der Kontinuität, der reinen
Bewegungslinie.
3. Die Mimesis an die Musik durch eine hörende,
d.h. strukturelle und gestische Spielbewegung. Dabei will jede Gestalt in der
jeweils charakteristische Einheit eines zusammenfassenden Gestaltschwunges realisiert
sein.
Die Gesetze der Mimesis und die idealtypischen Formen, wie sie hier entwickelt
werden, sind nicht normativ zu verstehen, sondern als Anleitung zum Experiment,
es sind kategoriale Fragen, auf die jeder seine eigene Antwort finden muss.
Wie fruchtbares Üben sich im freien Zusammenspiel von Intuition und Ratio
entfaltet, ist das Thema des zweiten Teiles der Studie, denn der Konflikt zwischen
beiden ist der Hauptgrund ineffektiven Übens. Was nicht von Anfang an aus
ihrem freien Zusammenspiel hervorgeht, kann nie zu einem künstlerischen Ausdruck
gelangen. Diese Freiheit hat ihre Vorbedingung: den ästhetischen
Zustand der Spielbereitschaft, ein Zustand sinnlicher Geistesgegenwart,
einer Sammlung in der alle unsere Fähigkeiten, die des Denkens, Fühlens,
Handelns präsent sind, aber zugleich doch entlassen aus allen Vollzugszwängen.
Vorinstrumentale Übungen können helfen, diesen Zustand schwebender Balance
wach zu rufen, so wie Basistechniken integraler Haltung und Bewegung, Atmung und
Entspannung die Mimesis des Spielers an seinen Organismus unterstützen können.
Die Studie bezieht sich auf die Klavierliteratur und die pianistische Spielbewegung.
Die Methode der Werkanalyse und gewisse Grundgesetze der Spielbewegung sind
jedoch auch für andere Instrumentalisten übersetzbar.
Dass durch die doppelte Belichtung Werkerforschung auf der einen und Selbsterforschung
auf der anderen Seite sich auch die oft dunklen, verwirrten Pfade des Übens
etwas lichten, das ist die Hoffnung, die uns hier leitet. Was weiter hilft,
sind Fragen, Fragen an das Werk und Fragen, an die mimetische Intelligenz unseres
Körpers, sie sind unsere beiden Lehrer auf dem Weg des Übens.