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Leseprobe
Klang des Endens - Schuberts Sonate G-Dur op. 78,
D 840
Schuberts Musik lässt den biographischen und den gesellschaftlichen Hintergrund,
aus dem sie gewachsen ist, durchscheinen. Der junge Mann, der sie schrieb, war
auf der Höhe seiner Kräfte, schon von der tödlichen Krankheit erfasst.
"Es wird früh gestorben "in seiner Generation, schreibt Peter Gülke,
und verweist auf Wackenroder, Novalis, Keats, Shelley, Büchner, Platen, und
viele andere. Im Tod von Freunden und Kindern, auch dem von Geschwistern, begegnet
er dem Fragmentarischen des Lebens aus nächster Nähe, unmittelbar. Mit
Zorn und Trauer sah er, wie die Restauration die revolutionären Hoffnungen
zurückstaute, wie der Wiener Kongress einen "Zustand geschichteloser
Windstille" herzustellen suchte, wo die Zensur den Text seines Singspiels
"Die Verschworenen" nur unter dem Titel "Der häusliche Krieg"
freigibt. Der Glaube an den realen Fortschritt in ein Reich der Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit, den die Klassik unter welchen Zweifeln auch immer beseelte,
ist erschüttert. Und die Idylle, in die das Biedermeier sich einzuhausen
suchte, erfuhr er als "Wanderer", "im Vorübergehen" als
einer, der selten nur einen eigenen Wohnsitz hatte. Heimisch war er nie in der
Heimat, obwohl er, auch bei seinen kurzen Reisen den Wiener Umkreis kaum verließ.
Was Schubert sah in seiner Zeit, die Stauung der Kräfte, den beginnenden
Verlust der Idylle, das sehen wir heute schärfer, denn es ist in den zwei
Jahrhunderten seit seiner Geburt ins Ungeheuerliche gewachsen: die gesellschaftlichen
Produktivkräfte ballen sich zu einem globalen Zerstörungspotenzial,
die Vagabunden der Freizeitindustrie wälzen sich durch die Idyllen der Erde
und verheeren, was andern noch Heimat ist.
Schuberts Musik bringt zur Besinnung: Wenn auch in den geglückten Momenten
in der Idylle kein Bleiben ist, wenn der heroische Gestus erstarrt in der Fülle
seiner Kraft, wenn der Fortschritt verstellt ist, tritt sei zurück, kehrt
um, vollzieht ihr Memento mori. Schuberts Weg der Ergebung aber ist nicht der
von Resignation, die sich erschlafft abwendet, er ist nicht der jenes höhnischen
Fatalismus, dem alles was entsteht, nur wert ist, dass es zugrunde geht. Er rechtfertigt
nicht die Welt, wie sie ist. Er versucht nur gewaltlos der Ohnmacht standzuhalten,.
Das ist sein Humanität. Darum klingt in dem Abgesang der Wiegenmusik im ersten
Satz der G-Dur Sonate noch ein Moment des Trostes, sie bleibt untergehend bei
sich, sie stirbt, wie Rilke das einmal nannte, ihren "eigenen Tod".
Was aber durch das Ganze schwingt, das ist dieser eigentümliche transzendierende
Ton, der den geschlossenen Kreis durchbricht, der in eine Noch-Nicht weist. Er
hat sich für Schubert archetypisch in der Gestalt von Goethes Mignon, seiner
Geniusfigur, verkörpert.